Praktisch das Highlight jeder Segelfliegerkarriere. Der erste Alleinflug. Das Flugzeug voll unter Kontrolle haben. Selber fliegen, keine Anweisungen des Fluglehrers von hinten.

9.06.2018: Ich merke, dass es wohl so langsam auf den ersten Alleinflug zu gehen könnte. Vor allem wenn der Fluglehrer mich schon heimlich aber doch intensiv darauf vorbereitet. Viele Male wurde mir schon von dem genialen Gefühl, alleine in der Luft zu sein, und von der Stille im Flugzeug erzählt. Morgens absolviere ich mit unserem Ausbildungsleiter Jürgen Neugebauer den theoretischen Teil der sogenannten A-Prüfung, zu der auch die ersten drei Alleinflüge zählen. Alles klappt prima, fünf von fünf Fragen richtig beantwortet. Der Ausbildungsnachweis ist nun gefüllt.

Nächster Morgen: Das Wetter ist gut, windstill, perfekte Voraussetzung um das erste Mal alleine in die Lüfte zu steigen, denke ich mir. Mit ein wenig Kribbeln im Bauch fahre ich zum Segelflugplatz, wo wir sofort alles aufbauen, um möglichst schnell mit dem Flugbetrieb starten zu können. Gleich zwei Flüge  absolviere ich mit Mario, dem Fluglehrer, mit dem ich bisher am meisten geflogen bin. Und dann fliegt auf einmal Jürgen mit mir. Der Kontrollflug des zweiten Fluglehrers. Jetzt bloß keinen Mist bauen. Aber klar, der Vorführeffekt schlägt mal wieder zu. Beim ersten Kontrollflug mit Jürgen drehe ich zu spät in den Endanflug ein und muss zu viel korrigieren. Nach der Landung gibt es eine kleine Besprechung mit Mario und Jürgen setzt sich ein zweites Mal zu mir in den Flieger. So, jetzt aber nochmal volle Konzentration. Und diesmal funktioniert alles reibungslos oder ,,perfekt´´ wie Jürgen nach der Landung zu mir meint.

Dann wird es Ernst: Ich setze mich in den Flieger und das erste Mal steigt kein Fluglehrer mit ein, sondern verschnallt nur das Gurtzeug am hinteren Sitz. Eigentlich muss ich mir keine Sorgen machen, denn ich fliege einfach genau so, wie ich es seit mittlerweile ungefähr drei Monaten mache. Aber natürlich ist es doch was komplett anderes. Ich bin extrem aufgeregt, aber dennoch hochkonzentriert. Den Startcheck führe ich durch, während mein Fluglehrer neben dem Flugzeug steht. Und dann geht alles ganz schnell: Tief durchatmen, Haube schließen und verriegeln, einklinken und zum Abflug bereit melden. Angespannt gehe ich innig zum zweiten mal den Seilrissvorgang und alle Instrumente durch und überprüfe im Schnelldurchlauf ihre Funktion. Dann ist das Seil straff. Die Winde zieht an. Ich lasse mich sanft in die Höhe steigen. Nachdem ich die Sicherheitshöhe erreicht habe, fange ich mit dem sanften Ziehen des Knüppels an. Und ich gewinne schnell an Höhe, denn das fehlende Gewicht des Fluglehrers macht sich bemerkbar. Oben angekommen, in ungefähr 300 Metern klinkt das Seil aus. Zum allerersten Mal bin ich hier oben ganz alleine! Und nun macht sich das fehlende Gewicht erneut bemerkbar: Die Fahrt ist trotz richtigem Horizont sehr gering. Ich drücke nach bis ich die nötige Geschwindigkeit habe. Relativ schnell gewöhne ich mich an das neue Gewicht und die neue, agilere Art unserer ASK21. Und nun, nachdem die Anspannung ein wenig nachgelassen hat, ist es noch viel schöner. Ich gehe in den Querabflug und dann hinein in den Gegenanflug. Dort kreise ich meine Höhe ab und überprüfe diese immer wieder und kontrolliere meine Fahrt. Mit ungefähr 200 Metern melde ich mich zur Landung. Ich überprüfe, ob der Anflug frei ist, ob auf der Piste niemand mehr steht und ob ich richtig angeschnallt bin. Dann drehe ich in den Queranflug ein. Hand an die Klappen, einen Blick auf die Piste, und schon drehe ich in den Endanflug ein. Klappen raus, Nase auf den Aufsetzpunkt. So sieht mein bisher gelungener Anflug aus. Ein wenig mit den Klappen spielen, sodass es auch bis zur Piste reicht. Dann fange ich an, den Flieger leicht abzufangen und ihn ausschweben zu lassen, so wie es mir meine Fluglehrer gesagt haben. Und tatsächlich, es funktioniert. Und zwar reibungslos. Nachdem ich unsere ASK21 zum Stillstand gebracht habe, lasse ich das Geschehene einen Moment sacken, bis ich aussteige.

Doch noch ist keine Zeit für überschwängliche Freude. Zwei weitere Alleinflüge stehen mir noch bevor. Ein weiteres Mal setze ich mich alleine und konzentriert in den Flieger. Und wieder verläuft alles nach Plan. Und auch beim dritten Mal, als ich mich langsam an die Stille im Flieger gewöhnt habe, verläuft alles gut. Und nach dem dritten Alleinflug eines Segelfliegers, gibt es das berühmt-berüchtigte ,,Arschversohlen´´. So kommen nach meiner letzten Landung alle Vereinsmitglieder zusammen, um mir auf meinen Allerwertesten zu hauen. Ich stelle mich bereit, um die Tradition über mich ergehen zu lassen. Aber ganz ehrlich: In dem Moment, ist es mir vollkommen egal, denn schließlich hat meine Segelfliegerkarriere soeben erst richtig begonnen. Ich kann es immer noch nicht wirklich begreifen, dass ich soeben ein Segelflugzeug das erste Mal alleine um den Platz geflogen habe. Diesen einzigartigen Moment wird es vermutlich nur ein einziges Mal in meinem gesamten Segelfliegerleben geben, und dennoch gibt es tausende Dinge, auf die ich mich weiterhin freuen kann.

Ich bin allen unheimlich dankbar, die mich bis jetzt begleitet haben, und mich hoffentlich weiterhin auch noch begleiten werden.

David

Kategorien: Aero-Club